Die Geschichte der Wirbeltiersammlung

Wirbeltiere bildeten schon in den frühesten Raritäten- oder Kuriositätenkabinetten eine besondere Attraktion. Die Notiz über die Gründung des ersten bernischen Naturalienkabinetts in der Berner Stadtbibliothek im Jahr 1694 erwähnt Gesteine, Münzen und andere “Curiosa“, aber noch keine Wirbeltiere. Wann die ersten in Bern dazugekommen sind, wird aus dem Journal 1693-1712 des Sekretärs der Bibliothekskommission, Marquard Wild, ersichtlich. 1732 listet Gruner in seinen “Deliciae Urbis Bernae“ bereits die folgenden Wirbeltierpräparate auf: “Ein Sceleton einer Manns-Person“; “ein grosser Crocodill an der Diele hangend“; “ein sehr grosse Schild-Krott, auch daselbst“; “ein Paradissvogel“; “ein Horn von einem Unicorno, oder Einhorn, oder vielmehr von einem Meer-Fisch“.
Die ältesten heute noch vorhandenen Objekte der Wirbeltiersammlung sind das Nest eines Goldhähnchens (Regulus sp., von 1765) sowie das gut erhaltene Präparat einer Falkenraubmöwe (Stercorarius longicaudus von 1798).
Aus dem Zeitabschnitt vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis Ende 1963 stammen etwa 30‘000 Inventarnummern. Seit dem 1. Januar 1964 – dem Beginn der administrativen Selbständigkeit der Abteilung Wirbeltiere – kamen rund 20’000 weitere Eingänge hinzu.
Um die Jahrhundertwende, besonders aber nach der Begründung einer eigenständigen Abteilung für Wirbeltiere im Jahr 1964 gewannen die einheimischen jagdbaren Säugetiere an sammlerischer Bedeutung (z.B. Gemse ab 1947, Rotfuchs ab 1953). Die Beschäftigung des damaligen Direktors sowie des Konservators für Wirbeltiere, gemeinsam mit Diplomanden und Doktoranden, auf dem Gebiet der in Bern aufblühenden Wildforschung machen diese Entwicklung verständlich. Dies geschah in enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Jagdbehörde, dem Zoologischen Institut der Universität Bern und der 1965 an der Veterinärmedizinischen Fakultät geschaffenen Schweizerischen Tollwutzentrale. Hinzu kam 1967 die Verpflichtung für den Aufbau und Betrieb eines schweizerischen Jagdmuseums im Schloss Landshut bei Utzenstorf BE. Damit wurden klare Aktivitätsschwerpunkte gesetzt, andere Sammlungsbereiche aber nicht negiert. Zudem wurden und werden beim Ausbau der Sammlungen die Schwerpunkte anderer schweizerischer Naturmuseen in die Überlegungen einbezogen.

Von hunderten von Donatoren und ihren Sammlungen seien im Folgenden drei der wichtigsten angeführt: Einige der rechts abgebildeten Objekte gehen auf diese zurück.

Göldi, Emil August (1859-1917)

Von Schlatt bei Nesslau im Obertoggenburg. Studium der Zoologie in Leipzig und Jena, Mitarbeit bei Ernst Haeckel. Ab 1884 Professur und Museumsstelle in Rio de Janeiro. Ab 1889 in „Colonia Alpina“ in der Serra do Orgãos. Verfasste mehrere Werke über die Fauna Brasiliens. Wurde 1894 zum Direktor des Museums in Parà (heute Belem) berufen, das er zu Weltruf führte und das heute noch seinen Namen trägt. Kehrte 1907 definitiv in die Schweiz zurück und nahm Wohnsitz in Bern. Hatte ab 1908 bis zu seinem Tode eine a.o. Professur für Zoologie an der Universität Bern inne.

Total = 14'082 Sammlungsexemplare. Wirbeltiere: 4‘420: 192 Fische, 85 Amphibien, 192 Reptilien, 2'964 Vögel, 987 Säugetiere. Orgelgebirge (Provinz Rio de Janeiro) und Provinz Pará (1883-1907). Göldis Donation ist die umfangreichste des NMBE überhaupt.

 

Studer, Theophil (1845-1922)

Zoologe, Mitglied einer grossen Berner Gelehrtenfamilie. Die Bedeutung Theophil Studers liegt nicht in erster Linie bei der Anzahl der durch ihn auf zahlreichen Sammelreisen beschafften Wirbeltiere, sondern vielmehr in seiner Tätigkeit als Konservator des Museums, Präsident der Museumskommission, Ordinarius für Anatomie und Zoologie an der Universität Bern - und in seinem sehr breit gefächerten Wissen und seiner Initiative, z.B. im Bereich der Archäozoologie.

Total = 149: v.a. Vögel und Säugetiere aus der südlichen Hemisphäre. Bedeutende Kollektion Wirbelloser. Legte die Basis für die Haushunde-Schädelsammlung der Albert Heim-Stiftung

 

Wattenwyl, Bernard Perceval von (1877-1924) und Wattenwyl, Vivienne Florence Beatrice von (1900-1957)

Die beiden Bernburger, Vater und Tochter von Wattenwyl, sind die bekanntesten und gehören zu den bedeutendsten Donatoren des NMBE, auch wenn sie mit 186 Eingängen weit hinter anderen zurückstehen. 105 Nummern (darunter 19 Panthera leo) wurden auf einer Reise 1923/24 nach Ostafrika (Kenya, Uganda) gesammelt. Andere Säugetiere wurden 1911, 1914/15 in Simbabwe erlegt. Wenige stammen aus Norwegen. In der seit 1936 bestehenden Afrika-Ausstellung wurden 2001 in 35 Dioramen 102 Säugetiere gezeigt, davon stammen 59 von den beiden von Wattenwyls.

Total = 186: v.a. Säugetiere (Grosswild, als Dermoplastiken, Schädel, Skelette) aus Ost Afrika (Simbabwe, Kenia, Uganda, 1911-24)