Die kleinsten Landschnecken der Welt sorgen für riesiges Aufsehen

Datum: 
23. Oktober 2015

Eine Forschergruppe aus Japan, Ungarn und der Schweiz hat in der Guangxi Provinz in Südchina sieben neue Landschnecken-Arten entdeckt – darunter die kleinste Landschnecke der Welt. Zehn Exemplare dieser Art würden durch ein Nadelöhr passen. Die Publikation hat in Weltpresse für Aufsehen gesorgt. Hunderte Artikel erschienen über die Mikroschnecken, in England, der USA oder gar Russland. Mitautorin ist Adrienne Jochum, Doktorandin am Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern.   


Es war in den Weiten der sibirischen Halbinsel Kamtschatka, wo Adrienne Jochum noch rasch eine Medienmitteilung zu ihrer Publikation in ihr Smartphone tippte. Im nächsten Hotel mit Wifi-Anschluss verschickte sie die Mitteilung. Erst als sie aus den Ferien aus Russland zurückgekehrt war, realisiert die Schneckenforscherin, was sie mit den paar wenigen Zeilen ausgelöst hatte.

Adrienne Jochum ist deutsch-amerikanische Staatsbürgerin, Doktorandin am Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern und eine von vier Autoren einer Publikation in der Fachzeitschrift ZooKeys, die jüngst publiziert wurde. In der Arbeit werden sieben neue Mikroschnecken-Arten beschrieben, darunter die wahrscheinlich kleinste Landschnecke der Welt (Angustopila dominikae). Die winzigen Wirbellosen, die teilweise nicht einmal einen Millimeter gross sind, sorgten in der Weltpresse für riesiges Aufsehen, in hunderten von Artikeln berichteten Zeitungen und Onlineportale über den gesamten Globus, in 42 Sprachen erschienen Artikel. «Newly Discovered Snails Fit in Eye of a Needle», titelte etwa National Geographic. «ESCARG-WHOA! Snails So Small You Can Fit 10 In A Needle's Eye», die Hufftington Post.

Die kleinste Art wurde in einer Erdprobe gefunden, die unter einer Kalkwand entnommen wurde. Von allen sieben Spezies wurden lediglich Schneckenhäuser entdeckt. Von Angustopila dominikae, die nach der Gattin des Erstautors Barna Pall-Gergely benannt wurde, existiert lediglich ein einzelnes Gehäuse. Dieser sogenannte Typus, der die Grundlage für die Beschreibung der Art bildet, lagert im Naturhistorischen Museum in Budapest. Dagegen lagern sieben Exemplare von Angustopila huoyani im Naturhistorischen Museum Bern. Diese Art stammt aus in einer Höhle in der nordöstlichen Hunan Provinz. Jochum beschrieb diese bereits in einer früheren Publikation. Nun wurden in der Provinz Guangxi, fünf hundert Kilometer vom ersten Fund entfernt, beinahe identische Gehäuse gefunden, welche die Wissenschaftler A. huoyani unterordnen. Das unterstreicht die Notwendigkeit die chinesischen Höhlensysteme weiter zu erforschen, mit Bestimmtheit schlummern hier noch viele Geheimnisse.

«Wir wissen noch sehr wenig über diese Mikroschnecken», sagt Jochum. Die Lebensweise dieser winzigen Tierchen ist weitgehend unerforscht. Auch haben die Forscher bislang nur Vermutungen, warum die Evolution derart kleine Lebewesen hervorbringt. «Es geht um eine optimale Anpassung an den Lebensraum», so Jochum. Durch ihren Zwergwuchs vermögen sich die Mikroschnecken in kleinsten Ritzen vor Fressfeinden zu verstecken.

Die Winzigkeit der Mikro-Schnecken stellt die Wissenschaftler vor einige Herausforderungen. So bedarf es grossen handwerklichen Geschicks, die Gehäuse zu untersuchen, ohne sie zerbrechen. Durch ein unglückliches Ereignis ist Jochum dabei auf eine nützliche Methode gestossen: Eines komplizierten Handbruchs wegen musste sie sich einer Nano-Computertomografie unterziehen lassen. So kam die Wissenschaftlerin auf die Idee, die neue medizinische Methode für ihre Forschung mit Mikro-Schnecken anzuwenden. In einer früheren Publikation untersuchte sie so die Form von Gehäusen.

Ein Blick fürs Winzige

Für das Naturhistorische Museum Bern und seine Doktorandin Adrienne Jochum ist die internationale Aufmerksamkeit für die Mikro-Schnecken ein wunderbares Erfolgserlebnis. «Natürlich war nicht alles ganz korrekt, was geschrieben wurde, aber was zählt ist die Aufmerksamkeit für die Wissenschaft und die Biodiversität», sagt Adrienne Jochum. Sie sieht sich als Botschafterin der Biodiversität. Und hier besonders der Klein- und Kleinstlebewesen, die wegen ihrer Grösse häufig wenig Aufmerksamkeit erhalten – gleichzeitig aber den grössten Teil der Biodiversität darstellen.

Viel Fachwissen im Bereich Molusken am Naturhistorischen Museum Bern

Betreut wird Jochum von Eike Neubert, einem international renommierten Schneckenforscher und Malakologie-Kurator am Naturhistorischen Museum der Burgermeinde Bern. Mit 300 000 Objekten (3 bis 4 Millionen Einzelstücke) verfügt das Museum über die grösste Molusken-Sammlung der Schweiz. Längerfristiges Ziel der malakologischen Abteilung: Eine komplette Sammlung der europäischen Schnecken, Muscheln und anderen Weichtieren zu erstellen. Neubert betreibt selber Forschungsarbeit und leitet derzeit das Projekt, die erste Europäische Rote Liste der Land- und Süsswasser-Weichtiere fertig zu stellen. Daran sind insgesamt dreissig Wissenschaftler beteiligt.