Vielfalt in Forschung und Lehre

Die Erforschung der Vielfalt in der Natur ist traditionell ein Hauptanliegen der Museumstätigkeit. Heute sind weltweit etwa 1,3 Millionen Tierarten bekannt. In den letzten Jahren hat sich unsere Vorstellung über die tatsächliche Artenzahl jedoch grundsätzlich gewandelt. Die Schätzungen gehen auf 10, ja sogar auf mehr als 30 Millionen Arten. (Der obere Schätzwert basiert auf der Entdeckung von 600 neuen, auf eine einzige Baumart spezialisierte Käferarten in der Krone eines südamerikanischen Tropenbaumes. Weltweit sind aber 50 000 verschiedene Arten von tropischen Bäumen bekannt!)

«Kompetenzzentrum Biodiversität»

Die meisten der noch nicht beschriebenen Arten werden durch Zerstörung ihres Lebensraums und Umweltveränderungen ausgerottet sein, bevor die Wissenschaft von ihnen Kenntnis erhält. Parallel zu diesem Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten - als Biodiversitätskrise bezeichnet - nimmt die Zahl der Spezialisten, welche diese Vielfalt untersuchen könnten, rapide ab. Mit dem Aufkommen der experimentellen und molekularbiologischen Disziplinen wurde die Systematik zusehends aus den Universitätsinstituten verdrängt und die Ausbildung des Nachwuchses völlig vernachlässigt. In den USA hat man diesen Fehler erkannt und versucht, ihn mit enormem finanziellem Aufwand zu korrigieren: Für das Programm Systematics Agenda 2000 sind über einen Zeitraum von 25 Jahren jährlich 3 Milliarden US $ veranschlagt. Das heute dringend wieder benötigte Know-how ist praktisch nur noch in den Naturmuseen vorhanden, die dadurch zu den eigentlichen Kompetenzzentren in Fragen der Biodiversität geworden sind. Analoges gilt für die geologischen Disziplinen, wenn es um Formenkenntnis geht.

Museen und Universitäten profitieren gegenseitig

Hier müssen die Museen ihr Spezialwissen in den Lehrbetrieb der Universitätinstitute einbringen. Die Zusammenarbeit mit Universitätsinstituten ist für beide Seiten ein Gewinn. Im Museum ist Fachwissen vorhanden, das heute an den Universitäten fehlt, und eigene Sammlungen für Unterricht und Forschung können oder wollen sich viele Universitätsinstitute heute nicht mehr leisten (eigentliche Universitätsmuseen sind in Europa die Ausnahme). Andererseits trägt der Kontakt mit der Universität dazu bei, dass das wissenschaftliche Museumspersonal - trotz vielfältiger anderweitiger Aufgaben - seinen Kenntnisstand aktuell erhalten kann. Auch ist die wissenschaftliche Erforschung des eigenen Sammlungsmaterials die beste Garantie dafür, dass Sammlung und Sammlungsbetreuer à jour bleiben.