Verwechslungskomödie im Tierreich: Die Entdeckung der Schweizer Wespe

Datum: 
5. Mai 2014
Vier Schweizer Insektenforscher haben in einem Sumpfgebiet am Greifensee (ZH) eine neue Wespenart entdeckt, die den Namen Schweizer Wespe erhalten hat (Polistes helveticus). Das Besondere an der Geschichte: Die Schweizer Wespe gibt es hierzulande schon lange und wurde oft gesichtet – nur hat man sie fälschlicherweise für eine sehr ähnliche Art aus dem Mittelmeergebiet gehalten. Erst als die südliche Verwandte aufgrund der klimatischen Veränderungen in den Norden zog, wurde die Verwechslung offensichtlich
 
Verwechslungen sind seit Jahrhunderten Stoff für Komödien. Man denke an Shakespeares Comedy of errors, an Oscar Wildes Importance of Being Earnest oder an Billy Wilders Filmklassiker Some Like It Hot. Manchmal führen Verwechslungen sogar zur Entdeckung neuer Tierarten. Und im konkreten Fall sogar, weil es eine der involvierten Protagonistinnen gerne heiss mag. Aber beginnen wir von vorne. 
 
Akt 1: Vor sechs Jahren entdeckte der Insektenforscher Rainer Neumeyer in einem Sumpfgebiet am Greifensee eine Wespe, die der Zierlichen Feldwespe glich (Polistes bischoffi). Eine Wespe, die in Sümpfen relativ verbreitet ist. Erst als er ein zweites Exemplar fing, stutzte der Forscher: Die beiden Exemplare unterschieden sich in der Farbe ihrer Antennen. Eine hatte gelbe Antennen – bei der anderen wies die Antenne eine schwarze Oberseite auf. 
 
Im zweiten Akt wandte sich Neumeyer an verschiedene Fachkollegen – nebst Gaston-Denis Guex von der Universität Zürich auch an die beiden Spezialisten Hannes Baur vom Naturhistorischen Museum Bern und Christophe Praz von der Universität Neuchâtel. Im Laufe der Arbeit stellten die Forscher fest, dass es sich um zwei verschiedene Arten handeln musste. Und sie stiegen in die Archive der Natur: Sie untersuchten die Sammlungen der Naturhistorischen Museen. 
 
Dabei zeigte sich, dass es sich bei den nördlichen Vorkommen der Zierlichen Feldwespe (Polis-tes bischoffi) eigentlich um eine andere Art handelt. Um den Irrtum zu verstehen, bedarf es hier einer Rückblende: In den 1930er-Jahren entdeckte der Insektenforscher Wolfgang Weyrauch in Sardinien die Zierliche Feldwespe (Polistes bischoffi). Spätere Funde aus Mitteleuropa zählte er ebenfalls zu dieser Art. Ein durchaus nachvollziehbarer Lapsus: Die beiden Arten un-terscheiden sich nur minim. 
 
Und im dritten Akt kommt nun die Klimaveränderung ins Spiel. Die Zierliche Feldwespe mag es nämlich gerne warm. Im Zuge der Klimaerwärmung weitete sie ihren Lebensraum gegen Norden aus und tauchte nun auch in Mitteleuropa auf. Erst dadurch, dass die «wahrhaftige» Zierliche Feldwespe in nördlicheren Gefilden auftauchte, ist den Forschern bewusst gewor-den, dass es hierzulande eine neue Art geben muss. Bei all den Wespen, die in den letzten Jahrzehnten als P. bischoffi bezeichnet wurden, handelte es sich um eine neue, unbeschriebene Wespenart. Eine kleine wissenschaftliche Sensation. Da die Wespenart in der Schweiz stark verbreitet ist, gaben sie ihr folglich den Namen Polistes helveticus – die Schweizer Wespe. 
 
In einer Publikation in der international renommierten Fachzeitschrift ZooKeys ist die Ent–deckung soeben bekannt gegeben worden – was vorderhand das letzte Kapitel wäre in dieser tierischen comedy of errors.