Tierschmuggel: Packende Geschichten, schockierende Habgier und eines der lukrativsten Verbrechen

Datum: 
26. November 2015

Vom 27. November 2015 bis zum 26. Juni 2016 zeigt das Naturhistorische Museum der Burgergemeinde Bern die Sonderausstellung «Tierschmuggel – tot oder lebendig» (d und f). Sie zeigt Objekte, die am Schweizer Zoll konfisziert wurden. Sie erzählt unglaubliche Episoden, wie Schmuggler ihre Ware zu verstecken versuchen. Und sie deckt überraschende Hintergründe auf – etwa, dass man in gewissen Fällen eine Tierart auch gefährden kann, wenn man sie unter Schutz stellt. Die Objekte stammen vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), das seine Asservatenkammer der Öffentlichkeit zugänglich macht. 

Die Ausstellung holt die Besucherinnen und Besucher dort ab, wo sie vielleicht selber schon mal zu Tierschmugglern wurden: am Flughafen. Danach werden sie auf eine bewegende Reise geschickt durch das vielschichtige Thema Tierschmuggel. Und durch eine Ausstellung, die schockiert, berührt, verblüfft und von trauriger Aktualität ist. 
Tierschmuggel gehört zu den lukrativsten Verbrechen, nur der Drogen- und Waffenhandel sind umsatzstärker als der illegale Handel mit wildlebenden Tier- und Pflanzenarten. Gerade auf dem afrikanischen Kontinent hat die Wilderei in jüngster Zeit erschreckende Ausmasse angenommen. Aber Tierschmuggel kann in manchen Fällen auch bloss eine Lappalie darstellen. Die Mehrzahl der «Schmuggler» sind Touristen – und etliche von ihnen wissen nicht einmal, dass sie eine Straftat begehen. Davon erzählt der Touristen-Shop in der Ausstellung, der verbotene Mitbringsel feilbietet. Die Besuchenden können Exponate in die Hände nehmen – eine Gelegenheit, die in der Ausstellung mehrmals geboten wird. Dem Ausstellungsteam des Naturhistorischen Museums ist es ein Anliegen, dass die Besuchenden auch einmal ein wertvolles Fell oder einen schweren Elfenbein-Zahn in den Fingern halten können – um die Faszination zu verstehen, die von diesen Produkten ausgeht. 
 
Als nächstes wartet der Zoll – und eine interaktive Installation, in der die Besuchenden in Gepäckstücken geschmuggelte Produkte entdecken müssen. Sie steht für die Herausforderung der Behörden, den findigen Methoden der Schmuggler auf die Schliche zu kommen. Und dann das Herzstück der Ausstellung: die Asservatenkammer. Auf den ersten Blick ein edler Spiegelschrank, öffnet sich wie von Zauberhand die Sicht auf ein nüchternes Lager mit unzähligen Objekten. Schlangenleder, Elfenbein-Figuren, seltene Muscheln. Hinter jedem dieser Objekte stehen ein Tier und eine Geschichte, stecken Leid und soziale, ökonomische oder ökologische Problematiken. 
 
Ein roter Faden durch die Ausstellung: über den Haufen geworfene Vorurteile
Ab hier verlässt man die noble Flughafen-Atmosphäre endgültig, im Hauptraum dominiert die rohe Kulisse des Frachtbereichs. Auch inhaltlich blicken die Besuchenden «hinter die Fassade»: Hintergründe werden beleuchtet und Vordergründiges hinterleuchtet. Thematisiert werden etwa der Handel mit Elfenbein und Nashorn, Buschfleisch oder die asiatische Medizin, die riesige Mengen an geschützten Wildtieren zu Pulver und Pillen verarbeitet. 
Je tiefer man ins Thema dringt, umso mehr verschwimmen schwarz und weiss, gut und böse: Die Ausstellung wirft Vorurteile über den Haufen – Brüche mit gängigen Vorstellungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schau. Das zeigt etwa das Beispiel des Bindenwarans, die Art ist zwar geschützt, der Handel ist aber erlaubt, sofern die Population dadurch nicht gefährdet wird. In Südostasien wird der bis zu drei Meter grossen Echse intensiv nachgestellt – das Leder wird etwa für Armbanduhren verwendet. Die Tötung und Häutung der Tiere geschieht teilweise unter brutalen Bedingungen. Dennoch stellt die Jagd auf die Warane eine Einkommensmöglichkeit für die arme Landbevölkerung dar. Die meisten durch CITES geschützten Tier – und Pflanzenarten (siehe Beilage «Wissenswertes») stammen aus Entwicklungsländern. Dort sichert der Verkauf von «Naturprodukten» vielen das Überleben. Wenn gar kein Handel mehr erlaubt ist, gelten die Wildtiere nicht mehr als Einkommensquelle, sondern oft als Schädlinge, die es auszurotten gilt. Schutz und Nutzen sind deshalb untrennbar verbunden.
 
Aus dem Alltag eines Artenschützers: Bruno Mainini erzählt Episoden im Audio-Guide
Der Grossteil der Objekte stammt aus der Asservatenkammer des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Was an der Grenze oder bei Razzien konfisziert wird, landet im Lager in Liebefeld bei Bern. Für die Ausstellung hat das BLV die Konfiskate zur Verfügung gestellt. Das BLV stand zudem dem Ausstellungsteam des NMBE beratend zur Seite – in der Person von Bruno Mainini, stv. Leiter des Bereichs Artenschutz und Leiter der internationalen Walfangkommission. Dass der Artenschützer Mainini und seine Kollegen keine Schreibtischtäter sind, beweist eindrücklich ein Audio-Guide, der durch die Ausstellung führt. An sechs Audio-Stationen erzählt Mainini packende Episoden aus seinem Alltag und liefert Denkanstösse – etwa, warum der Verzehr von Zebrafleisch nicht verwerflich ist. Die Beiträge (d und f) können über Kopfhörer oder per Smartphone angehört oder angeschaut werden.  
 
 
Bilder und weiterführende Informationen: www.tierschmuggel.ch
 
 
 

Wissenswertes rund ums Thema Tierschmuggel

 
Zahlen
Vor acht Jahren töteten Wilderer in Südafrika 13 Nashörner. Im 2014 waren es schon 1215 Tiere. Das ist eine Zunahme von 9346 Prozent.
Alle 24 Minuten wird ein afrikanischer Elefant gewildert. 
Weltweit existieren weniger Tiger, als das Emmentaler Dorf Sumiswald Einwohner hat.
Illegaler Handel mit Tieren und Pflanzen ist nach Drogenschmuggel und Waffenhandel das grösste organisierte Verbrechen weltweit. 
Geschätzte 10 bis 20 Milliarden Dollar Umsatz machen organisierte Verbrecherbanden mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten. 
Allein im Jahr 2014 hat der Schweizer Zoll 785 Fälle mit geschützten Tier- und Pflanzenarten gemeldet, viele davon Souvenirs. 
Im Lagerraum des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) stapelt sich beschlagnahmte Ware. Allein im Jahr 2014 kamen über 1247 neue Objekte hinzu.
Terror und Bürgerkriege werden auch mit Wilderei finanziert. Die islamistischen Al-Shabaab-Miliz soll sich zu 40 Prozent aus dem Handel mit Elfenbein finanzieren. Wilderei bedroht daher auch die politische und soziale Stabilität. 
 
Legaler/ illegaler Handel
Viele Tier- und Pflanzenarten sind durch den internationalen Handel seit vielen Jahren gefährdet. Aus diesem Grund wurde 1975 das Artenschutzabkommen «CITES» ins Leben gerufen. Das CITES-Abkommen schützt in der Zwischenzeit mehr als 5000 Tier- und 29 000 Pflanzenarten. Die Schweiz spielt als Depositar des Übereinkommens mit Sitz in Genf eine besonders wichtige Rolle im Funktionieren des Übereinkommens, zu dem sich 181 Staaten verpflichtet haben. Das BLV arbeitet als Vollzugsbehörde bei der Umsetzung und der Kontrolle des legalen Handels, aber auch im Kampf gegen den illegalen Handel von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten eng mit den Zollbehörden zusammen. 
Im Zweifelsfall lassen Touristen besser die Finger von Schlangenschnaps & Co. Auf Reisen hilft die WWF Ratgeber-App, die in Zusammenarbeit mit dem BLV lanciert wurde. 
Die Schweiz ist nach Singapur der grösste Umschlagplatz für den legalen Handel mit Reptilleder. Dies in erster Linie wegen der Uhrenindustrie. 
 
Elfenbein
70% des weltweit gewilderten Elfenbeins werden in China verkauft. Dort sind Kunstobjekte oder Schmuck aus den Elefantenstosszähnen besonders begehrt. 
Elfenbeinschnitzereien haben in asiatischen Ländern eine lange Tradition. Sie verkörpern noch heute Luxus und Prestige. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in China kann sich eine wachsende Mittelschicht immer mehr leisten.
Kostete ein Kilogramm Elfenbein auf dem Schwarzmarkt in Peking im Jahr 2002 etwa 100 Dollar, zahlt man heute über 2000 Dollar. 
Allein der Wert des internationalen Elfenbeinhandels – von der Rohware bis zu den Märkten in Asien – beträgt geschätzte 160-188 Millionen Dollar jährlich. 
 
Shahtoosh
Ein Schal aus Shahtoosh-Wolle kann man durch einen Fingerring ziehen. Die Königswolle aus dem Fell der bedrohten Tibet-Antilope ist die feinste der Welt. 
Für die Wolle eines einzigen Shahtoosh-Schals töten Wilderer bis zu fünf Tiere. Lebten vor hundert Jahren noch über eine Million «Tschirus» im Hochland Tibets, sind es heute weniger als 100 000.
Der Handel mit Shahtoosh ist zwar seit 1979 verboten. Doch in Nobelorten beschlagnahmen die Behörden das edle Tuch immer wieder in Boutiquen. Ein der grössten Fälle der letzten Jahre ereignete sich in St. Moritz.
 
Nashorn
Reiche Asiaten haben das Nashorn als «Partydroge» entdeckt. In speziellen Mühlen zerrieben und mit Reiswein vermischt, ist «Nashornwein» vor allem in Vietnam der Beweis für Macht und Erfolg. 
Auch bei uns galten manche Wildtiere als wandelnde Apotheken, die man gnadenlos jagte – wie den Steinbock, im 19. Jh. eines der seltensten Säugetiere der Welt. Sein Horn soll-te zum Beispiel gegen Impotenz helfen. 
 
Conch-Perlen
Die teuersten Perlen der Welt: Naturperlen der Fechterschnecke Conch-Perlen kosten 3000 - 70 000 CHF pro Stück. Nur jede zehntausendste dieser karibischen Meeresschnecken enthält Perlen.
 
Kaviar
Viel Kaviar stammt heute aus Zuchten, der Handel ist reguliert und wildlebende Störe sind eigentlich streng geschützt. Trotzdem blüht der illegale Handel. Beluga-Kaviar kostet bis 5000 CHF pro Kilogramm. Nur Kaviar mit einer CITES-Etikette ist legal. 
 
Schuppentiere
Schuppentiere sind heute die am häufigsten illegal gehandelten Säugetiere. Sie leben in Asien und Afrika und sind als Festschmaus überaus beliebt. Zudem werden ihren Hornschuppen wahre Wunderkräfte zugeschrieben.
 
 

Rahmenprogramm

 
Di., 2. Februar 2016
Podiumsdiskussion «Reptilleder – alles sauber?»
 
Mit Jean-Daniel Pasche (Verband der schweizerischen Uhrenindustriellen), Sara Wehrli (Schweizer Tierschutz), Mathias Lörtscher (Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veteri-närwesen) & Stefan Hertwig (Abteilungsleiter Wirbeltiere NMBE). Moderation: Christine Brand (NZZ am Sonntag)
 
Vortragssaal Naturhistorisches Museum Bern
19.30h (Türe: 19h)
Freier Eintritt, keine Reservation möglich
 
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Mi, 9. März 2016
Familientag
Spezialprogramm für die ganze Familie
14 – 17 Uhr
 
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Di, 22. März 2016
Podiumsdiskussion «Elefantenrunde»
 
Mit Robert Zingg (Kurator Zoo Zürich), Thierry Aebischer (Elefantenforscher und Naturschüt-zer) & Heinz Furrer (Mammutexperte). Moderation: Christine Brand (NZZ am Sonntag)
 
Vortragssaal Naturhistorisches Museum Bern
19.30h (Türe: 19h)
Freier Eintritt, keine Reservation möglich
 
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Do, 28. April 2016
Podiumsdiskussion «Tierschutz vs. Artenschutz – ein Widerspruch?»
 
Mit Doris Calegari (WWF), Katharina Büttiker (Animal Trust), Bruno Mainini (Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen) & Stefan Hertwig (Abteilungsleiter Wirbeltiere NMBE). Moderation: Christine Brand (NZZ am Sonntag)
 
Vortragssaal Naturhistorisches Museum Bern
19.30h (Türe: 19h)
Freier Eintritt, keine Reservation möglich
 
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Mi, 8. Juni  2016
Podiumsdiskussion «Sammeln, Züchten, Handeln»
 
Mit Anna Ospelt (Autorin «Sammelglück»), Walter Benz (Tierpräparator und Jäger), Felix Weck (Verband Zoologischer Fachgeschäfte der Schweiz). Moderation: Christine Brand (NZZ am Sonntag)
 
Vortragssaal Naturhistorisches Museum Bern
19.30h (Türe: 19h)
Freier Eintritt, keine Reservation möglich
 
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Mi, 15. Juni 2016
Durch die Gänge – Tierschmuggel spezial
 
Essen Sie legal gehandeltes Fleisch von Wildtieren, mit Ausführungen von Bruno Mainini (Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen)
 
Vorverkauf Starticket