Hohe Auszeichnung für einen Mitarbeiter des NMBE

Datum: 
10. Februar 2014

Leichen explodieren nicht: Uralter Mythos der Kadaver- Explosionen ist widerlegt

 
Grosse Ehre für einen Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums Bern: Achim Reisdorf wird mit dem Alexander von Humboldt-Gedächtnispreis ausgezeichnet. Der Paläontologe hat zusammen mit Fachleuten anderer Forschungsgebiete den Jahrzehnte lang gehegten Mythos widerlegt, dass Faulgase Kadaver explodieren lassen – Rat holte er dabei in der Rechtsmedizin.
 
Es ist eine Frage, die Paläontologen seit jeher umtreibt: Weshalb sind Knochen kompletter Saurier-Skelette bei ihrer Entdeckung häufig verstreut? Jahrzehntelang geisterte die Vermutung durch die Wissenschaft, dass Faulgase die Kadaver hätten explodieren lassen und dabei Knochen gewaltsam aus dem Körper herausschleuderten. Mit diesem Mythos räumt eine breit angelegte interdisziplinäre Studie nun auf: Achim Reisdorf hat zusammen mit einer Autorengruppe das Schicksal von Wirbeltier-Kadavern untersucht, die sich im Meer ablagern. Reisdorf arbeitet am Naturhistorischen Museum Bern und am Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Basel.
 
Um zu verstehen, was vor Millionen Jahren mit verendeten Sauriern geschah, hat sich Reisdorf an Fachleuchte gewandt, die tagtäglich mit Leichen zu tun haben: Rechtsmediziner und Kriminalbiologen. Eigens für die Studie wurde der Faulgasdruck von einhundert menschlichen Leichen ermittelt. Dabei zeigte sich, dass sich bei den bakteriell bedingten Fäulnisprozessen im Körper ein viel zu geringer Druck aufbaut, um diesen zum Explodieren zu bringen. Eine Erkenntnis, die sich auf die fossile Tierwelt anwenden lässt.
 
Der Paläontologe Reisdorf hat bei Fischsauriern, also ausgestorbenen Meeresreptilien, den Ablauf der Zerfallsprozesse untersucht – als Fossilien liegen sie in grosser Menge und gut dokumentiert vor. Das Schicksal von Fischsaurier-Leichen lässt sich wie folgt rekonstruieren: Normalerweise sanken die Körper sofort zum Meeresgrund ab. In grösseren Wassertiefen wurden sie am Meeresboden in der Regel durch Fäulnis, Aasfresser, knochenzerstörende Organismen und Lösungsvorgänge vollständig zersetzt. Bei geringerer Wassertiefe hingegen stiegen die Kadaver durch die sich im Körperinneren ansammelnden Faulgase wieder zur Wasseroberfläche auf, wie sich aus der rechts- und veterinärmedizinischen Praxis herleiten lässt. An der Wasseroberfläche trieben sie kilometerweit und zerfielen – dem Wellengang und Aasfressern ausgesetzt – innerhalb weniger Tage bis Wochen. Die Knochen wurden so grossräumig im Meer verstreut.
 
Nicht Explosion verstreuen die Knochen, sondern Strömungen
Nur unter sauerstoffarmen Bedingungen und in grösseren Wassertiefen gab es günstige Voraussetzungen dafür, dass letztlich mehr oder weniger vollständige Fischsaurier-Fossilien entstehen konnten: Aasfresser hatten keinen Zugriff, ausserdem wurden durch den hohen Wasserdruck in den Leichen entstehende Faulgase sofort in Körper- und Fäulnisflüssigkeiten gelöst. Ein Aufsteigen der Kadaver zur Wasseroberfläche wurde somit unterbunden. Kam es allerdings zu keiner schnellen Einbettung der Kadaver am Meeresboden – etwa durch Einsinken in ein sehr weiches Sediment – löste sich mit dem bakteriellen Abbau schon bald das Weichgewebe um und zwischen den Knochen auf. Das Skelett verlor dabei seine Stabilität und zerfiel in seine Einzelteile. Traten zudem am Meeresgrund Strömungen auf, wurden einzelne Knochen aus dem Skelettverband herausgelöst und mehr oder weniger weit transportiert. Davon waren in erster Linie die Körperpartien betroffen, die am stärksten vom Meeresboden in die Wassersäule herausragten: das Rumpfskelett mit der Wirbelsäule und den Rippen. Das ist der Grund, dass Saurier-Skelette in bestimmten Meeres-Ablagerungen wie die weltbekannten Posidonienschiefer oder Solnhofener Plattenkalke zwar häufig nahezu komplett aber verstreut aufgefunden werden – eine Kadaver-Explosion kommt nicht in Frage!
 
Die Ergebnisse dieser interdisziplinären Studie erschienen 2012 in der Zeitschrift «Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments». Die Publikation wird mit dem Alexander von Humboldt- Gedächtnispreis ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet am 12. Februar in Frankfurt a. M. statt. Der mit 6'000 Euro dotierte Preis wird für die beste wissenschaftliche Arbeit verliehen, die im Vorjahr in einer senckenbergischen Zeitschrift veröffentlicht wurde.