Die Grösse spielt eben doch eine Rolle - zumindest bei den Fischen

Datum: 
3. März 2014
Grössenunterschiede und Konkurrenz um Brutplätze führt bei Fischen zur Entstehung neuer Arten. Die Studie von Lukas Rüber, Wissenschaftler am Naturhistorischen Museum Bern, ist soeben im renommierten Magazin Nature Communications erschienen.
 
Konkurrenz könnte eine wichtige Rolle während der Evolution neuer Arten spielen. Das sagen theoretische Untersuchungen. Und das hat auch schon Charles Darwin so gesehen. Das Problem: Bislang waren die empirischen Hinweise spärlich. 
 
Umso wertvoller ist daher die neue Studie von Dr. Lukas Rüber vom Naturhistorischen Museum Bern und seinen Mitautoren. Sie konnten anhand von populationsgenetischen und experimentellen Untersuchungen zeigen, dass Konkurrenz zur Entstehung neuer Buntbarsch-Arten im Tanganjikasee in Ostafrika führt.
 
Das Forscherteam fand heraus, dass der Cichlide Telmatochromis temporalis zwei genetisch unterschiedliche Ökomorphen herausgebildet hat (lokale Varianten einer Art, deren Aussehen von ihrer ökologischen Umgebung bestimmt wird). Die Unterschiede zeigen sich in der Körpergrösse und im Lebensraum. Grosse Individuen haben die Forscher entlang den Felsküsten gefunden, diese legen ihre Eier in Höhlen. Ihre kleinen Artgenossen waren nur halb so gross – diese leben und brüten in leeren Schneckenhäusern auf Sandflächen. Der Grund dafür: Die grösseren Felsmorphen vertreiben die kleineren Schneckenhausmorphen, die Schutz für sich und ihre Eier in den Schneckenhäusern auf dem Sand finden. 
 
Faktisch benutzen die grossen und kleinen Fische unterschiedliche Lebensräume. Wegen dieser örtlichen Trennung paaren sich die Buntbarsche auch mit den Individuen ähnlicher Grösse. Lukas Rüber hat festgestellt, dass es praktisch keinen genetischen Austausch zwischen den grossen und kleinen Ökomorphen gibt. 
 
Artbildung entsteht, wenn sich genetische Unterschiede zwischen zwei Gruppen von Individuen über die Zeit anhäufen. Im Fall von Telmatochromis gibt es keine offensichtlichen Hindernisse zur Interaktion der Individuen – theoretisch könnten sie sich paaren. Durch die Konkurrenz findet aber keine Interaktion zwischen den Ökomorphen statt. Das macht den Tanganjikasee zur Bühne für ein faszinierendes evolutionsbiologisches Schauspiel.
 
Wo liegt die Bedeutung der Arbeit? Sie liefert rare experimentelle Hinweise, dass Konkurrenz um Lebensräume die Differenzierung von Lebewesen antreibt und mit der Zeit zur Ausbildung neuer Arten führt. Ganz klar: Grösse spielt eine wichtige Rolle – zumindest bei Telmatochromis und für die Fischdiversität.
 
Die Untersuchung wurde von Evolutionsbiologen des Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern, dem Naturhistorischen Museum in London, der Universität Bristol und der Universität Kyoto durchgeführt.