Bilanz Mad Scientist Festival

Datum: 
5. September 2015

Wissenschaft, die beisst und kratzt

Gestern hat im Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern die zweite Ausgabe des Mad Scientist Festivals stattgefunden. Sie war geprägt von Beiträgen, die an ethischen Fragen und Pietätsgrenzen gerüttelt haben. Etwa mit einer Installation, in der Schaben mit dem Smartphone ge-steuert wurden, und einem Spinnenvortrag, der von einem Bondagekünstler begleitet wurde. Das Festival hat einmal mehr gezeigt: Wissenschaft kann so schön und aufregend sein, wenn sie sich nicht Riten und Direktiven zu unterwerfen braucht.

Das Begleitprogramm des Festivals geht im Club Bonsoir noch bis zum 13. September weiter: www.madscientist-festival.ch

 
Eines vorweg: Es gibt keine Pflanze, die sich von elektromagnetischer Strahlung ernährt. Im Vorfeld hat sich das Mad Scientist Festival nämlich einen kleinen Scherz erlaubt: Es setzte die Nachricht in die Welt, dass ein Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums eine Pflanze entdeckt habe, die sich womöglich von elektromagnetischer Strahlung ernähre. Der Botanische Garten und das Naturhistorische Museum liessen sich für die Aktion einspannen, was beiden naturwissenschaftlichen Institutionen doch etwas Mut abforderte – dafür bedankt sich das Mad Scientist Festival. Die Erfindung von Arten ist quasi schon eine grenzwissenschaftliche Tradition, man denke an Christian Morgensterns Nasobēm oder an den Wolpertinger. Nur fehlte es bisher an fiktiven Pflanzen. Polytepalum radians, das kleinen Nelkengewächs, angeblich neben einer Handyantenne gefunden, wollte diese Lücke schliessen. Gestern wurde aufgelöst, dass sich bei der vermeintlichen Wunderpflanze leider nur um unser Hirngespinst ge-handelt hat. Sollte für einmal nicht die Handystrahlung, sondern unser zartes Pflänzchen auf den Redaktionen die Gemüter erhitzt haben, entschuldigen wir uns dafür. 
 
Schaben als Roboter, Heuschrecken als Snack
Der Festivalabend vom 4. September bot wie letztes Jahr wieder der ein unkonventionelles Wissenschaftsspektaktel auf diversen im ganzen Museum verteilten Bühnen. Dazu kamen dieses Jahr eine Reihe von installativen Arbeiten, die die Zuschauer zu Beteiligten machten. Es wurde rege, zum Teil auch emotional mitdiskutiert, zum Beispiel in Till Wyler von Ballmoos' bitterböser Kakerlaken-Installation, wo mit Neuromodulen versehene Schaben als fernge-steuerte Flüchtlinge hinhalten mussten – ein bewusst gewählter ethischer Grenzfall, der bereits im Vorfeld für emotionale Stellungnahmen von Tierschützern gesorgt hatte. Aber auch bei den Köchinnen Gosie Vervloessem (heimische und fremde Mikroben) und Andrea Staudacher (Heuschrecken) wurde ebenso viel diskutiert wie probiert. Währenddessen sorgte das abwechslungsreiche Programm auf den Bühnen zwischen Konzert, Tanz und wissenschaftlichen Vorträgen immer wieder für volle Säle. Das Festival verzeichnete einen schönen Zuschauerzuwachs – über 400 Besucher fanden dieses Mal den Weg ins Naturhistorische Museum.
 
Urknall-Diskussionen im Nachtclub
Das Mad Scientist Festival ist eine Koproduktion von sciencetc. und dem Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern. Dieses Jahr fand das Festival in enger Zusammenarbeit mit dem Musikfestival (Thema «Urknall») statt und war Teil der Jubiläumstournee «Forschung live» zum 200jährigen Bestehen der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). Das Festival geht noch bis am 13. September mit einem Begleitprogramm im Club Bonsoir weiter, wo es eine Gesprächsreihe rund um den Urknall, Late-Night-Konzerte und eine wis-senschaftliche Spielwiese mit Experimenten zum Selberprobieren gibt.