150 Jahre Elefant von Murten

Datum: 
17. Juni 2016

Ein Bulle mit Testosteron-Schub bringt ein Kleinstädtchen in Aufruhr

Vor 150 Jahren ereignete sich in Murten ein sonderliches Drama: Ein Zirkuselefant rastete aus, tötete seinen Pfleger und schlug kurz und klein, was ihm in den Weg kam. Nachdem der junge Bulle Murten einen Tag lang in Atem hielt, wurde er mit einer Kanonenkugel erschossen. Das Naturhistorische Museum der Burgergemeinde Bern, welches das Skelett beherbergt, begeht das Jubiläum unter anderem mit einem Gesprächsabend. Unser gesamtes Jahr steht im Zeichen der dünnhäutigen Dickhäuter – mit vielzähligen Anlässen. 
Was geschah zwischen dem 27. bis 29. Juli 1866 in Murten? Kaum jemand weiss es besser als Markus F. Rubli, Stadtarchivar von Murten und profunder Kenner der Geschichte des Murtner Elefanten. Das Drama um den erschossenen Zirkuselefanten jährt sich heuer zum 150. Mal. Die sterblichen Überreste des Elefanten sind heute im Naturhistorischen Museum Bern ausgestellt. Auch deswegen hat das Haus das Jahr zum «Elefantenjahr» erklärt, etliche Anlässe drehen sich um die sensiblen grauen Riesen. Unter anderem organisieren wir am 29. Juli ein Gesprächsabend, bei dem wir die Geschichte des Elefantenbullen aufrollen. Mit Rubli diskutieren George Frei (ehemaliger Pfleger Zoo Zürich und Zirkus Knie) und der Künstler Beat Breitenstein, der im Rahmen des Jubiläums eine Elefanten-Holzskulptur erschaffen hat, die in Murten zu bestaunen ist.
 
Drehen wir das Rad der Geschichte nochmals 150 Jahre zurück: Die Vorstellung des Circus Bell & Myers war ausverkauft. Man schrieb den 27. Juni 1866. Für Murten – damals 2300 Einwohner – bedeuteten fahrende Gaukler oder etwa anatomische Kabinette ein beliebtes Spektakel im beschaulichen Alltag des Kleinstädtchens. Ein so grosser Wanderzirkus wie Bell & Myers, der damals in der Schweiz von Ort zu Ort zog, war noch aussergewöhnlicher – vor allem seiner beiden asiatischen Elefanten wegen. Für die Mehrzahl der Bevölkerung war es wohl das erste Mal, solche Tiere zu Gesicht zu bekommen. Bereits der Einzug des Zirkustrosses sorgte für viel Aufmerksamkeit. Zum Vergnügen der Schaulustigen veranstalteten die beiden Kolosse beim Rathausbrunnen eine Spritzpartie. Die Vorstellung am 27. Juni war denn auch ausverkauft. Was danach geschah, beschrieb das Lokalblatt «Murtenbieter» wie folgt: 
 
«Nachdem uns gestern Abend die Gesellschaft Bell und Myers durch ihre vorzüglichen Leistungen einige genussreiche Stunden verschafft hatte, wurde heute im Frühmorgen zwischen 2 und 3 Uhr unsere Bevölkerung durch den Schreckensruf aufgeweckt, der männliche Elephant habe ich sich freigemacht, seinen Cornak getödtet und laufe frei in der Stadt herum, wobei er verschiedene Verheerungen anrichte.» 
 
In der Folge marodierte der Elefantenbulle durch die Stadt und zerlegte, was ihm in den Weg kam. Freiwillig kehrte er schliesslich in den Stall zurück, wo er eingesperrt werden konnte. Die politischen Behörden kamen zusammen, um sich zu beraten, wie mit dem wild gewordenen Bullen umzugehen sei. In Freiburg wurde eine Kanone bestellt. Unter der Leitung des Artillerie-Hauptmanns Daniel Stock wurde der Elefant schliesslich am 28. Juni mit einer sechspfündigen Kugel erschossen. Am Folgetag wurde der Elefant an Ort und Stelle zerlegt und das Fleisch wurde an die Murtner Bevölkerung verkauft – zu 20 Rappen das Pfund. Das exotische Gulasch sei unterschiedlich gut gelungen, wird kolportiert. 
 
Die heutige Erklärung: Elefant war in der Musth
Aus heutiger Sicht mag die «Exekution» des Elefanten bedauerlich und gar übertrieben sein, bestimmt sind aber die damaligen Verhältnisse in Betracht zu ziehen – und die fehlenden biologische Kenntnisse. Heute ist der «Wutanfall» erklärbar: Der junge Bulle kam zum ersten Mal in die «Musth». Auf dem historischen Foto sind unter anderem die Sekretabsonderungen an der Schläfendrüse zu sehen. Elefantenbullen können ab dem 15. Lebensalter solche heftige Erregungszustände durchle in denen sie 50 bis 60 Mal mehr Testosteron produzieren und die einige Wochen bis Monate dauern. Mit der Brunft haben diese aber nichts zu tun. Bei asiatischen Arbeitselefanten führt die Musth bis heute zu Todesfällen – und zu brutalem Umgang mit den Bullen. In diesem Zustand werden sie an Bäumen angekettet und ausgehungert. 
Um den Murtner Elefanten wurde es auch nach seinem Tod nicht ruhig. Eigentlich planten die Murtner Behörden einen Ausstellungspavillon, in dem ein Präparat und das Skelett der Nachwelt gezeigt werden sollten. Aus finanziellen Gründen wurde aber vom Bau abgesehen. Das Präparat landete in unserem Museum, wurde aber beim Umzug von der Hodlerstrasse an den heutigen Standort an der Bernastrasse entsorgt. Das Skelett wurde einst vom anatomischen Institut der Universität Bern gekauft, später dann ebenfalls unserem Museum übergeben. 2001 zeigte unser Museum eine Sonderausstellung über die Geschichte des Zirkuselefanten. Seither ist das Skelett ausgestellt. 
 
2016: Elefantenjahr im Naturhistorischen Museum Bern 
2016 steht im Naturhistorischen Museum im Zeichen der Elefanten. Während des Elefantenjahres zeigen wir unter anderem das Werk «Plan für ein Elefantengrab» von Bernhard Luginbühl, das vom Drama des Murtner-Elefanten inspiriert wurde. Zudem stellen wir dem Plastiker Iwan Luginbühl, Sohn von Bernhard, ein altes Elefanten-Präparat zu Verfügung. Die Skulptur wird am 22. September im Museumsgarten präsentiert. Am 13. November findet zudem ein Familientag statt. 
 
Infos zu Veranstaltungen im Elefantenjahr finden Sie im Veranstaltungskalender.
Am 25. Juni findet in Murten ein Umzug und die Vernissage einer Skulptur von Beat Breitenstein statt: www.elefanticum.ch